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Medizinisches Trauma und sexualisierte Gewalt

Die Miktionszystourethrographie (MCUG/VCUG): Zwischen medizinischer Notwendigkeit, Intimsphäre und psychischer Belastung

Die Miktionszystourethrographie (MCUG), international häufig als Voiding Cystourethrography (VCUG) bezeichnet, ist eine radiologische Untersuchung der Harnblase und der Harnröhre. Sie wird unter anderem eingesetzt, um bestimmte Fehlbildungen, Harnwegsprobleme oder einen Rückfluss von Urin aus der Blase in die Harnleiter zu erkennen.

Obwohl die Untersuchung medizinisch sinnvoll und in bestimmten Situationen notwendig sein kann, erleben manche sie als unangenehm, beängstigend oder sogar als Verletzung ihrer persönlichen Grenzen. In Erfahrungsberichten von Betroffenen finden sich auch Beschreibungen als übergriffig oder traumatisch.

Warum kann eine solche Untersuchung, die für das medizinische Personal zum klinischen Alltag gehört, für eine Person eine derart belastende Erfahrung sein?

Die Untersuchung des Intimbereichs

Bei einer VCUG muss ein Katheter durch die Harnröhrenöffnung bis in die Harnblase vorgeschoben werden. Dazu muss der Genitalbereich zugänglich sein. Das medizinische Personal muss die erforderlichen hygienischen und medizinischen Maßnahmen durchführen und den Katheter korrekt platzieren.

Für die Person bedeutet dies, dass fremde den Intimbereich untersuchen und berühren. Das kann Scham, Unsicherheit und Unbehagen auslösen.

Gerade für die, die ihren Körper zunehmend als privat wahrnehmen, kann diese Situation besonders schwierig sein. Der Genitalbereich ist für viele ein Bereich, bei dem sie selbst bestimmen möchten, wer sie berühren darf.

Wenn eine Untersuchung ohne ausreichende Erklärung beginnt oder die Person das Gefühl hat, nicht mitreden zu dürfen, kann die Situation als Grenzüberschreitung erlebt werden.

Dabei ist entscheidend: Eine medizinische Berührung kann fachlich gerechtfertigt sein und sich für das Kind/die Person trotzdem unangenehm oder übergriffig anfühlen. Die medizinische Absicht und das persönliche Erleben sind zwei unterschiedliche Aspekte.

Der Katheter und die körperlichen Empfindungen

Das Einführen eines Katheters in die Harnröhre kann ein ungewohntes Gefühl verursachen und mit Schmerzen verbunden sein. Wie stark diese empfunden werden, ist individuell verschieden.

Manche berichten eher von Druck oder Brennen, andere erleben die Situation als deutlich schmerzhaft – weinen, schreien und Strampeln kann eine Folge sein. Angst und körperliche Anspannung können die Belastung zusätzlich verstärken.

Für ein Kind ist die Untersuchungssituation zudem schwer vorhersehbar. Es weiß möglicherweise nicht genau, was als Nächstes geschieht, wie lange die unangenehmen Empfindungen dauern oder ob es sich bewegen darf.

Wenn eine Person Schmerzen hat und seine Äußerungen nicht ernst genommen werden, kann daraus ein Gefühl der Hilflosigkeit entstehen. Dieses Gefühl kann für die spätere Erinnerung an die Untersuchung ebenso bedeutsam sein wie der Schmerz selbst.

Die Blasenfüllung: Druck, Harndrang und Kontrollverlust

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der VCUG ist die Füllung der Harnblase mit einer Flüssigkeit, die in der Regel ein Kontrastmittel enthält. Die Flüssigkeit gelangt über den Katheter in die Blase, damit diese unter Röntgenkontrolle dargestellt werden kann.

Während sich die Blase füllt, nimmt ihr Volumen zu. Das Kind/die Person kann zunehmenden Harndrang, Druck oder ein starkes Bedürfnis verspüren, die Blase zu entleeren.

Diese Empfindungen sind nicht bei allen gleich. Manche empfinden die Füllung hauptsächlich als ungewohnt, andere erleben sie als stark unangenehm, belastend oder gar schmerzhaft.

Besonders schwierig kann sein, dass das die Person die Flüssigkeitszufuhr nicht selbst steuern kann und die Untersuchung nicht einfach mit dem gewohnten Wasserlassen beenden kann. Es muss sich auf einen Ablauf einlassen, dessen Tempo und Ende überwiegend vom medizinischen Verfahren und Personal bestimmt werden.

Dadurch kann ein Gefühl des Kontrollverlusts entstehen. Die Person erlebt möglicherweise einen stetig zunehmenden Harndrang, während es gleichzeitig weiß, dass es noch nicht zur Entleerung aufgefordert wurde oder noch nicht entleeren darf.

Für manche ist gerade dieser Widerspruch belastend: Der Körper signalisiert, dass es Zeit ist, Wasser zu lassen, während die Untersuchung verlangt, zunächst auszuhalten.

Die Blasenfüllung ist damit nicht nur ein technischer Vorgang. Sie ist auch eine körperliche Erfahrung, die mit persönlichen Empfindungen, Scham und dem Bedürfnis nach Kontrolle verbunden sein kann.

Das persönliche Empfinden ist entscheidend

Zwei Personen können dieselbe Untersuchung erleben und dennoch ganz unterschiedliche Erinnerungen daran entwickeln.

Eine Person/ein Kind fühlt sich vielleicht gut vorbereitet, versteht den Zweck der Untersuchung und erlebt die Unterstützung durch das medizinische Personal als beruhigend. Ein andere Person/anderes Kind ist sehr ängstlich, empfindet Schmerzen oder hat das Gefühl, dass niemand auf seine Bedürfnisse eingeht.

Deshalb lässt sich nicht allein anhand des medizinischen Ablaufs beurteilen, wie belastend eine VCUG für eine bestimmte Person ist.

Eine Untersuchung kann medizinisch routinemäßig sein und für die betroffene Person dennoch eine sehr intensive Erfahrung darstellen.

Zu den Faktoren, die das Erleben beeinflussen können, gehören:

  • die Vorbereitung und Verständlichkeit der Erklärungen;
  • die Intensität von Schmerzen und körperlichem Unbehagen;
  • Scham und das Gefühl, die eigene Intimsphäre nicht schützen zu können;
  • die Möglichkeit, Fragen zu stellen und seine Ängste auszudrücken;
  • der Umgang mit Widerstand und dem Wunsch nach einer Pause;
  • die Anwesenheit einer vertrauten Person;
  • frühere Erfahrungen mit medizinischen Untersuchungen oder anderen belastenden Situationen.

Warum manche Betroffene von einem Übergriff sprechen

Wenn Menschen eine VCUG rückblickend als übergriffig beschreiben, kann damit Unterschiedliches gemeint sein.

Manche erinnern sich vor allem an Schmerzen oder unangenehme körperliche Empfindungen. Andere berichten von Scham, dem Gefühl des Ausgeliefertseins oder davon, dass ihre Ängste und ihre Gegenwehr nicht ausreichend berücksichtigt wurden.

Besonders belastend kann eine Situation sein, in der ein Kind/die Person festgehalten wird oder den Eindruck gewinnt, dass es keinerlei Einfluss auf das Geschehen hat.

Das Gefühl, dass die eigenen Grenzen nicht respektiert werden, kann dabei schwerer wiegen als der eigentliche medizinische Eingriff.

Einige Betroffene verwenden später sogar den Begriff „Vergewaltigung“, um auszudrücken, wie massiv sie den Eingriff in ihren Körper und ihre Selbstbestimmung erlebt haben. Diese Wortwahl sollte nicht vorschnell abgetan werden. Sie beschreibt möglicherweise die subjektive Intensität des Erlebten, ist für sich allein aber keine rechtliche Einordnung des Geschehens.

Umgekehrt ist nicht jede intime medizinische Untersuchung als ein sexueller Übergriff zu werten. Entscheidend sind der medizinische Kontext, die konkrete Durchführung, der Umgang mit der Zustimmung und dem Widerstand des Kindes/der Person sowie die jeweiligen rechtlichen Rahmenbedingungen.

Beides muss gleichzeitig ernst genommen werden können: die medizinische Notwendigkeit einer Untersuchung und die Möglichkeit, dass eine Person sie als Verletzung seiner persönlichen Grenzen erlebt.

Kann eine VCUG traumatisch sein?

 Ja, eine belastende medizinische Untersuchung kann bei einzelnen  traumatische Folgen haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass jede VCUG ein Trauma verursacht oder dass jeder der Angst oder Schmerzen erlebt, später eine Traumafolgestörung entwickelt.

Eine mögliche traumatische Erfahrung hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören die subjektive Bedrohlichkeit der Situation, das Ausmaß der Schmerzen, das Gefühl von Hilflosigkeit und die Frage, ob das Kind Unterstützung und Sicherheit erlebt.

Besonders problematisch kann es sein, wenn ein Kind während der Untersuchung große Angst hat, sich nicht verstanden fühlt oder erlebt, dass seine deutliche Gegenwehr ohne ausreichende Berücksichtigung fortgesetzt wird.

Solche Reaktionen treten nicht bei allen auf und können unterschiedliche Ursachen haben. Wichtig ist jedoch, die Möglichkeit psychischer Folgen nicht allein deshalb auszuschließen, weil die Untersuchung medizinisch begründet war.

Mögliche Folgen einer stark belastenden Erfahrung können sein:

  • Angst vor späteren Arztbesuchen oder Untersuchungen;
  • ausgeprägte Scham im Zusammenhang mit dem eigenen Körper;
  • Schlafprobleme oder wiederkehrende belastende Erinnerungen;
  • Vermeidung medizinischer Hilfe;
  • ein anhaltendes Gefühl von Hilflosigkeit oder Vertrauensverlust.

Wie kann die Belastung verringert werden?

Die medizinische Notwendigkeit einer Untersuchung entbindet das Behandlungsteam nicht von der Verantwortung, die Würde, die Intimsphäre und die Bedürfnisse der Person zu berücksichtigen.

Bei ausgeprägter Angst oder Gegenwehr sollte geprüft werden, ob die Untersuchung unterbrochen werden kann, ob zusätzliche Unterstützung nötig ist und wie medizinische Dringlichkeit und das wohl der Person  miteinander vereinbart werden können.

Es sollte nicht das Gefühl entstehen, die Angst sei unwichtig oder man müsste Schmerzen einfach ertragen, weil andere die Untersuchung für notwendig halten.

Eine Durchführung sollte möglichst umfassen:

  • eine verständliche Erklärung vor Beginn der Untersuchung;
  • eine ehrliche, altersgerechte Information über mögliche unangenehme Empfindungen;
  • den Schutz der Privatsphäre und die Anwesenheit möglichst weniger erforderlicher Personen;
  • geeignete Maßnahmen zur Schmerzlinderung;
  • die Möglichkeit, Fragen zu stellen und Ängste auszudrücken;
  • die Einbeziehung einer vertrauten Begleitperson, soweit dies möglich ist;
  • einen respektvollen Umgang mit Widerstand und dem Wunsch nach einer Pause.