Der Name ist anonymisiert und ist nicht der eigentliche Name.
Ich kann hier nur für mich sprechen. Eine solche Untersuchung wie eine VMCU (VCUG) kann traumatische Folgen haben, sie muss es aber nicht. Bei mir hatte sie Folgen, die mich über viele Jahre begleitet haben.
Meine Erinnerung hat ein eigenes Muster:
Die ersten beiden VMCUs mit fünfeinhalb Jahren weiß ich bis heute bis ins Detail. Von der Lungenentzündung davor weiß ich nichts mehr – obwohl ich, wie mir später erzählt wurde, überall am Körper gestochen wurde, für jede Infusion eine neue Nadel: in Füßen, Beinen, Armen, Händen, am Kopf und weiteren Stellen.
Von der Untersuchung mit sieben Jahren weiß ich nur aus Erzählungen. Dann wieder nichts – bis zu den ersten Alpträumen und Flashbacks mit acht oder neun Jahren.
Erst viel später, in Therapie, habe ich verstanden, dass diese Lücken keine Fehler meiner Erinnerung sind. Sie sind die Spuren dessen, was ein Kind nicht alles gleichzeitig tragen kann.
Schon etwa ein halbes Jahr nach den ersten beiden VMCUs traten bei mir immer wieder starke Bauchschmerzen auf. Sie begleiteten mich über Jahre. Eine eindeutige körperliche Ursache konnte damals nicht festgestellt werden.
Rückblickend frage ich mich, ob diese Beschwerden bereits eine Reaktion auf das Erlebte gewesen sein könnten. Damals konnte ich selbst keinen Zusammenhang herstellen.
Meine Mutter erzählte mir später, dass ich mich nach den beiden VMCUs nicht mehr problemlos wickeln ließ. Ich wollte mich nicht mehr ausziehen und nicht mehr im Intimbereich berührt werden.
Etwa mit acht oder neun Jahren begannen die ersten sehr deutlichen Erinnerungsbilder an die Untersuchungen. Ich sah einzelne Szenen wieder vor mir und hörte das Schreien des Kindes. Besonders deutlich waren für mich das Einführen des Plastikschlauchs und die Situation auf dem Röntgentisch.
Dabei erlebte ich mich teilweise wie von außen. Ich sah den Jungen und das, was mit ihm geschah, aus einer anderen Perspektive.
In dieser Zeit veränderte sich auch mein Verhalten. Ich wurde zunehmend auffällig und reagierte häufig mit Wut und Aggression. Es kam zu Konflikten mit Mitschülern, mit meinen Eltern und auch zu aggressivem Verhalten gegenüber Gegenständen. Die Folge war das ich von meinem Vater immer wieder massiv geschlagen wurde (unter anderem einen Leder Gürtel) und somit ein weiteres Trauma erlebte.
Mir selbst war damals nicht bewusst, woher diese Veränderungen kamen. Ich verstand die Erinnerungsbilder und mein Verhalten nicht als mögliche Folgen der VMCUs. Für mein Umfeld war ich vor allem ein schwieriges und auffälliges Kind.
Es wurde teilweise mit erheblichen Konsequenzen gedroht, das verstärkte meine Angst eher noch.
Auch das Umziehen vor und nach dem Schwimmunterricht wurde für mich zu einem Problem. Ich konnte mich nicht vor anderen Jungen umziehen. Das führte zu Hänseleien und Situationen, in denen mir Mitschüler die Badehose herunterzogen. Das Nacktsein und die damit verbundene Hilflosigkeit erinnerten mich an die Untersuchungen. In solchen Situationen konnte ich teilweise nicht reagieren und fühlte mich wie erstarrt.
Auch damals wurde von meinem Umfeld keine Verbindung zu den früheren Erfahrungen hergestellt.
In meiner Familie wurde über die VMCUs nicht gesprochen. Über die Erinnerungen und das, was sie in mir auslösten, konnte ich ebenfalls kaum sprechen.
Bereits im Kindesalter kam es außerdem zu Selbstverletzungen, über die ich damals mit niemandem sprechen konnte.
Auch in der Jugend blieben die Erinnerungen bestehen. Bei einer späteren Behandlung lernte ich einen Psychologen kennen, dem ich von den VMCUs und den Erinnerungsbildern erzählte.
Ich wollte verstehen, was mit mir geschah und warum alles so war, wie es war. Vor allem wollte ich wissen, ob solche Untersuchungen bei einem Kind tatsächlich so weitreichende Folgen haben konnten. Eine wirkliche Antwort darauf bekam ich damals nicht. Er ging nach einem Termin und kam nie wieder.
Auch schulisch hatte ich nach der Grundschule Schwierigkeiten. Ich konnte mich vieles nur schwer merken und hatte Probleme, dem Unterricht zu folgen. Später gelang mir der Einstieg ins Arbeitsleben zunächst trotzdem.
Die Erinnerungsbilder verschwanden jedoch nicht.
Sie traten immer wieder auf und begleiteten mich über viele Jahre.
Mit etwa dreißig Jahren kam es schließlich zu einem Zusammenbruch. Zunächst wurde dieser als Überlastung eingeordnet. Wie es genau dazu kam, kann ich heute aufgrund der zeitlichen Lücken nicht mehr vollständig rekonstruieren. Seit dieser Zeit bin ich nicht mehr arbeitsfähig.
Es folgte eine längere stationäre Behandlung. Aus dieser Zeit sind mir nur wenige Erinnerungen geblieben.
Danach schlossen sich über viele Jahre ambulante Therapien an. In einer dieser Behandlungen wurde eine schwere Traumafolge diagnostiziert. Später wurde diese Diagnose wieder zurückgenommen. Das führte bei mir zu erheblicher Verunsicherung und machte es mir schwer, der Behandlung weiter zu vertrauen.
Später zog ich weit weg von meinem bisherigen Wohnort. Die räumliche Entfernung gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Trotzdem blieb die Angst bestehen, dass es irgendwann wieder zu einer VMCU kommen könnte.
An meinem neuen Wohnort begann eine weitere ambulante Therapie. Dort wurde die Diagnose der Traumafolge erneut gestellt und später bestätigt. Diese Einschätzung begleitet mich bis heute.
Im Rahmen dieser Behandlung erzählte ich einer meiner Therapeutinnen von den Erfahrungen aus meiner Kindheit. Sie erkundigte sich daraufhin bei einer Urologin nach dem damaligen Vorgehen. Die Antwort, die sie erhielt, lautete sinngemäß: „Das wurde und wird so gemacht.“ Auch diese Antwort gab mir keine Erklärung dafür, warum die Untersuchungen solche Folgen für mich hatten. Die Therapie wurde später beendet. Als Grund wurde mir genannt, dass es zu riskant sei, weiter in das Trauma hineinzugehen.
Damit blieb für mich erneut vieles offen.
Über viele Jahre konnte ich selbst nicht verstehen, warum ich mich so entwickelte und warum bestimmte Situationen solche Reaktionen in mir auslösten. Heute sehe ich einen Zusammenhang zwischen den VMCUs und vielen späteren Problemen in meinem Leben.
Dabei möchte ich ausdrücklich nur für mich sprechen. Ich kann nicht sagen, dass eine VMCU bei jedem Kind zu einem Trauma führt.
Bei mir stehen diese Erfahrungen am Anfang von Entwicklungen, deren Zusammenhänge ich erst sehr viel später verstanden habe.
Bei mir zeigte sich nach außen vor allem ein auffälliges, aggressives und teilweise ängstliches Verhalten. Die eigentliche Ursache muss dabei nicht sichtbar sein. Bei mir wurde lange vor allem das Verhalten gesehen. Nicht das, was dahinterstand.
Auch heute gibt es Dinge, die mich an die damalige Zeit erinnern.
Manche Reaktionen bleiben lange bestehen, auch wenn die ursprüngliche Situation längst vorbei ist. Deshalb ist es mir wichtig, darüber zu schreiben. Nicht, um VMCUs grundsätzlich infrage zu stellen. Nicht, um anderen Menschen ihre Erfahrungen abzusprechen.
Sondern um sichtbar zu machen, dass eine medizinische Untersuchung bei einem Kind etwas hinterlassen kann, das nach außen lange nicht erkennbar ist.
Und vielleicht hilft es anderen Betroffenen zu wissen, dass sie mit solchen Erfahrungen nicht allein sind.
Wenn jemand ähnliche Erfahrungen gemacht hat, kann er oder sie mich gerne anschreiben. Ich höre zu und nehme die geschilderten Erfahrungen ernst.
Die englische Version findet man zusätzlich auf YouTube:
www.youtube.com/@unseenshift_trauma
Ich habe lange gebraucht, überhaupt darüber zu sprechen. Wenn du ähnliche Erfahrungen gemacht hast, weißt du vielleicht, wie still es darum werden kann – in einem selbst und in der Familie. Ich möchte mit diesem Text keinem etwas beweisen. Ich schreibe ihn für alle, die glauben, mit solchen Erfahrungen allein zu sein: Ihr seid nicht allein.
Vieles davon war damals übliche Medizin. Aber üblich heißt nicht folgenlos. Wenn dieser Bericht etwas bewirken kann, dann hoffentlich das: dass Erwachsene verstehen, was medizinische Untersuchungen für ein Kind bedeuten können – und dass Eltern und Medizin heute bei Kindern genau hinschauen, bevor ihnen etwas angetan wird, das niemand erklärt hat.
Und es lohnt sich, darüber zu sprechen – mit Menschen, denen man vertraut, oder mit Fachleuten, die damit Erfahrung haben.
Gerne beantworte ich Fragen – und wenn du deine eigene Geschichte hier veröffentlichen möchtest, melde dich ruhig bei mir.
Kontakt: contact@unseenshift.org